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Wolfgang Maiworm, E-Mail: wolfgang@lebens-t-raeume.de, Website: www.wolfgangmaiworm.de
Der Gott und der Götze
(von Prof. Dr. Erwin Reisner in „Der blaue Pokal“, 1923)
Es ist die Zeit der Sonnenfinsternis, die dem Erdbeben vorangeht.
Durch die Nacht strahlt wie Phosphor der bleiche Leib des sterbenden Gottes, aber er strahlt ohne zu erleuchten. Auch die Sterne haben ihr Licht verloren; denn alles Helle hat ER in sich genommen.
Einsamkeit umgibt das Kreuz, und die Erde ist wie ausgestorben. Da ruft zwischen Todesröcheln der Heiland über die Öde hinweg:
„Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!“
Sein Ruf findet keinen Widerhall. Die Natur erkennt die Stimme nicht mehr, wie sie das Licht nicht mehr kennt. Aber aus der Dunkelheit ballt sich der Gegengott. Auf schwarzen Wolken thronend schwebt er heran vor das Kreuz. Es ist Shiva, der Zerstörer, es ist Priapos mit dem obszönen Symbol, mit der höhnenden Fratze dessen, was man Liebe nennt.
Und der Götze spricht:
„Wen rufst du? Nur wir sind noch; nur du bist und ich, dein ewiger Gegensatz, sonst nichts mehr. Du rufst nach dem Gott, den du auf dich gezogen hast. In deinem Streben nach eigener Göttlichkeit hast du die Welt entgottet; wo ist noch ein Gott außer dir?
Den Hass wolltest du ausrotten, aber indem du dein Schwert gegen ihn erhobst, verfielst du ihm. Nun hat sich dein Geschöpf gegen dich gewandt und dich ans Kreuz genagelt. Sieh, ich bin dein Geschöpf, die Ausgeburt deines eigenen Hasses. Vernichten wolltest du mich, aber du hast mich gemästet.
Als ich dir damals die Schätze der Welt versprach, wenn du vor mir niederfielest, da verschmähtest du sie, da hasstest du die Werke dessen, den du jetzt rufst; denn du wolltest ihm gleichen; da entgegnetest du verächtlich:
Es steht geschrieben: Du sollst den Herrn, deinen Gott anbeten und nur ihm allein untertan sein.
Wer ist jetzt der Herr, wenn nicht ich; denn nichts mehr ist außer uns beiden. Auch ich muss vergehen im Augenblick, da du stirbst. Aber war das dein ganzes stolzes Lebenswerk? Du lehrtest doch: Liebet eure Feinde! – Jetzt liebe mich, deinen ärgsten und letzten Feind.
Nur weil deine Liebe nicht vollkommen war, hast du mich geschaffen, wie du mich in meiner grässlichen Verzerrung vor dir siehst. Damals in der Wüste war ich schön. Noch einmal befehle ich dir nun, mich anzubeten. Liebe mich! Erkenne, dass ich dein Gott, dein Vater bin.“
Da erhebt Jesus langsam das Haupt, und seine Augen heften sich auf das furchtbare Antlitz des Feindes. Dann, von grenzenloser Liebe verklärt, spricht er zu ihm:
„Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist!“
Und das Licht, das dem heiligen Leib entströmt, beginnt wieder die Erde zu erhellen. Die Sonne tritt hervor, und die schwarzen Wolken, der Thron des Gegengottes, zerfließen in nichts.
Ein tiefes Donnern erschüttert die Luft, die Erde erbebt, der Vorhang im Tempel zerreißt, und offen liegt vor den Augen der Gläubigen das Allerheiligste.
Des Heilands brennender Blick umschließt die erlöste Natur. Und laut klingt seine Stimme:
„Es ist vollbracht!“
Liebe Leserinnen und Leser,
diesen Text habe ich für Sie ausgesucht, um Sie daran zu erinnern, dass allein in der hier vermittelten Weisheit wahre Heilung zu finden ist. Wer nicht an diese Wurzeln der Existenz heranreicht, wird es schwer haben, gesund alt zu werden.
Herzlichst,
Wolfgang Maiworm


