Alternative Lebenskonzepte

Lebens|t|räume Magazin – Ausgabe März 2026

 

Editorial

Wenn Sie mir schreiben möchten:
Wolfgang Maiworm, E-Mail: wolfgang@lebens-t-raeume.de, Website: www.wolfgangmaiworm.de

Liebe Leserinnen und Leser,

das Titelthema „Alternative Lebenskonzepte“ zeigt unter der Lupe, dass es meistens so verstanden wird, das Gewohnte einzutauschen gegen etwas Gegenteiliges. Etwas befriedigt nicht mehr, ist gegebenenfalls langweilig geworden – und so probiert man es mit dem aus, was bis dahin ausgeschlossen wurde. Ergebnis: Daraus entstehen wieder auf Zeit Gewohnheiten, Langeweile und Frust. Man schwimmt sozusagen quer von einem Ufer zum anderen, hält sich an dem dort Vorgefundenen fest, solange es noch neu ist. Und dann? Dann schaut man vom Ufer aus in den Fluss, bewegt sich an den Uferand, hängt seine Füße in das Nass – und schaut voller Sehnsucht dem Auf und Ab der Wellen nach.

…bis der Blick eingesogen wird von der Bewegung des Wassers alles, was zurückgelassen – und der Sprung ins Wasser geschieht wie von selbst. Hingeben an den Fluss des Lebens verliert man jeglichen Halt im Außen. Die Bewegung an sich gleicht der Bewegung vom Wellenkamm zum Wellental, doch schon er hebt sich ein Glücksgefühl im Aufsteigen, in der Gewissheit, dass es gut ist, den Boden unter den Füßen verloren zu haben.

Hast Du das in ähnlicher Weise auch so erlebt? – Hast Du die Widersprüche erfahren, die sich aus den Vorstellungen ergaben, dass es an diesem oder jenem Ufer schöner oder besser war, dass Du die Disteln gemieden hast und die Rosen suchtest, dass Du das Blühen der Disteln nicht gesehen hast und die Dornen der Rosen erst wahrgenommen hast, als Dein Blut vom Finger tropfte? – Die Wahrheit lag und liegt in der Erkenntnis, wie sie Laotse formulierte:

„Wenn jedermann weiß, dass Gut gut ist,
ist das Böse da.
Wenn jedermann weiß, dass Schön schön ist,
ist das Hässliche da.
Sein und Nicht-Sein bedingen einander.“

Und hier halten wir inne. Wir erinnern uns, dass uns Shakespeare über seinen Hamlet den Satz mitgab „Sein oder Nicht-Sein“. Das ist irreführend. Das ist der Grund, warum sich ein entweder-oder über die Jahrtausende im Menschen manifestiert hat. Wir leben an sich begrenzt orientiert am Sein und Nicht-Sein. Wir leben im Begrenzten an Zeit und Raum, aber auch im Unbegrenzten (jenseits von Zeit und Raum) – und das gleichzeitig.

Wir kamen bei der Geburt in das Zeiträumliche aus dem Nicht-Sichtbaren, und wir werden nach dem irdischen Tod in das Nicht-Sichtbare eintauchen. Dieses Nicht-Sichtbare ist das Ewige, das Sichtbare das Begrenzte.

Lauscht in Eurem Inneren einer Zusammenfassung dieser Gedanken (von Walt Whitman):

„Ich bin unbegrenzt. In mir sind alle Widersprüche.
Was soll man erst von Gott sagen?
Unbegrenzt? Er enthält alle Widersprüche.
Er ist im Tiefsten und er ist im Höchsten.
Im Tiefsten ist Er das Tiefste.
Im Höchsten ist Er das Höchste.
Er ist im Sex und Er ist im Samadhi.
Er ist in dieser Welt als Materie, und Er ist in jener Welt als Nicht-Materie.
Er ist der Sünder und Er ist der Weise.

Wenn sich die Gegensätze in Dir treffen, wirst Du vollkommen.

Wenn Du den Tod als Höhepunkt Deines (begrenzten) Lebens erkennst, verlierst Du Wünsche, Erwartungen, Hoffnungen, Vorstellungen, Ängste…

Wenn Du Gott im Tod sehen kannst, bist Du im Fluss. – Erlebe es: Weisheit ist widersprüchlich!“

Herzlichst,
Wolfgang Maiworm