Lebens|t|räume Magazin

Ausgabe Juni 2021

Wege zur Gesundheit
Wolfgang Maiworm: Manfred Maiworm – mein Bruder, der Menschenfreund
Wolfgang Maiworm: Fürchtet Euch nicht: Corona ersetzt nicht Euren
gesunden Menschenverstand
Lara Weigmann: Trikatu – ein kleines Aphrodisiakum!
Walter Ohler: Die Bedeutung von Jod in der modernen Medizin

Entspannung
Yoga Vidya: Einführung in die Meditation

Rubriken
Peter Orban: „Ich habe meinen Lebenstraum verwirklicht!“

…und vieles mehr

Aktion „Zusammenhalt – Jetzt“

In diesen Zeiten, die für viele von uns so schwierig, zum Teil sogar existenzbedrohend sind, wollen wir ein Zeichen der Hoffnung und Solidarität setzen.
In dieser Ausgabe der „Lebens(t)räume“ läuft unsere AKTION „Zusammenhalt – Jetzt!“.

Liebe Leserinnen und Leser,

unsere Welt ist voller Widersprüche. Manche sind sogar unauflösbar. Dann heißen sie nicht mehr nur Widerspruch, sondern Paradoxon beziehungsweise im Plural Paradoxien. Klassische Beispiele dafür sind das  „Henne-Ei-Problem (Was war zuerst da?)“ oder die „Allmacht Gottes (Wenn Gott allmächtig ist, kann er einen Stein erschaffen, der so schwer ist, dass er ihn selbst nicht mehr heben kann)“.

Ich beschäftige mich seit mehr als vierzig Jahren mit der Logik in Paradoxien, und so ergab sich meine große Liebe zu dem griechischen Philosophen Heraklit und zu all jenen, die in ihrem Leben dazu berufen wurden, das Widersprüchliche in allen Lebensbereichen als zusammengehörig zu erkennen.

Während ich das schreibe, überkommt mich eine große Lust, Sie heute nicht mit Heraklit zu konfrontieren, denn das habe ich in der Vergangenheit oft in Editorials gemacht, doch Zen-Geschichten sollen es dieses Mal sein, die Sie in die „rätselhafte“ Logik der Paradoxien blicken lassen.
Das Wesentliche liegt darin, dass nicht mehr unterschieden wird, dass unser Geist rein und unschuldig ist angesichts dessen, was ist. Die Dinge sind wie sie sind, nicht gut und nicht schlecht. Wenn wir Gott und Teufel unterscheiden, wenn wir Himmel und Hölle unterscheiden, wägen wir ab, klammern das Zusammengehörige aus. – Stellen Sie sich vor, Buddha und Jesus wären nicht vom Teufel in Versuchung geführt worden, was hätte sie zu Heiligen gemacht? Nur durch die Logik ergeben sich Schuld oder Unschuld. Paradoxie ergibt sich durch die Neutralität des nicht aufgespalteten Augenblicks, in dem kein Raum und keine Zeit ist für ein Abwägen von richtig und falsch. Es ist die Unschuld eines Babys, die uns den Weg zur Paradoxie zeigt:

Der Zen-Meister Hakuin war ein sehr angesehener Mann. Viele Menschen verehrten ihn. Auch die Eltern eines jungen, hübschen Mädchens, das in der Nachbarschaft von Hakuin lebte. – Eines Tages wurde dieses Mädchen schwanger. Die Eltern wollten wissen, wer der Vater sei, und nach langem Drängen sagte das Mädchen, Hakuin sei der Vater. Nun war es um den guten Ruf des Meisters geschehen. Die Eltern kamen zu ihm und beschimpften ihn, und sie wollten, dass er das Kind zu sich nehme. Als es geboren wurde, brachten sie es zu Hakuin. Alles, was er dazu zu sagen hatte, war „So“. Hakuin sorgte sich um das Kind, beschaffte sich von Nachbarn alles, was das Kind brauchte. So verging ein Jahr. Da konnte es das Mädchen nicht länger aushalten und gestand, dass der wahre Vater nicht Hakuin sei, sondern ein Arbeiter vom nahegelegenen Fischmarkt. Nun kamen die Eltern wieder zu Hakuin, entschuldigten sich lang und breit und wollten, dass er das Kind zurückgebe. Hakuin war einverstanden. Er holte das Kind, übergab es. Alles, was er zu sagen hatte, war „So“.

So ist es die Unschuld des Meisters, der wie ein Baby wertneutral handelt, der nicht berechnet, der nicht moralische Unterscheidungen trifft, der im Augenblick ist. Da gibt es kein Abwehren. Da ist Offenheit und die Bereitschaft, verletzt und verleumdet zu werden. Angstfrei lässt er die Anschuldigung, der Vater zu sein, zu. Die Meinung der anderen ist dem Meister nicht wichtig, denn er kennt sich selbst und es beunruhigt ihn nicht, was andere von ihm denken. – Angesichts  dessen, was die Welt für normal und logisch hält, ist das absolut paradox.
Das Kriterium, Logik von Paradoxie zu unterscheiden, ist also die Angst; die Angst, etwas zu verlieren, was so wichtig erscheint: ein guter Ruf, der moralische Halt, die Maßstäbe erworbener Erziehung,

Nehmen wir ein zeitgemäßes extremes Kriterium dazu: Hättet Ihr von einem Bischof gehört, der aus dem Klingelbeutel hundert Euro für sich persönlich entwendet hat, hättet Ihr das nicht so sehr verurteilt wie seinen „Rückfall“ in sexuelle Handlungen. Warum? Weil Ihr nicht nur nach Schuldigen sucht, sondern auch noch unterscheidet, was die größere Schuld sei – und Sex ist verteufelt, denn es ist logisch genannt, dass einer, der zur Rechten Gottes zu sitzen trachtet, keinen Sex mehr haben darf.

Noch eine Geschichte: Der Meister Seisetsu brauchte größere Räume, denn er war so beliebt, dass die Räume, in denen er lehrte, ständig überfüllt waren. Eine Sammelaktion begann. Viele gaben ihm kleine Beträge, doch Umezu, ein reicher Kaufmann, entschloss sich, Seisetsu 500 Ryo, das sind Goldstücke, in einem Sack zu bringen. Der Meister sagte: Ich will es nehmen. Das war es – und damit war Umezu gar nicht einverstanden. Er sagte: „Von drei Ryo kann man ein ganzes Jahr lang leben, und dies hier sind 500 Goldstücke“. Dazu Seisetsu: „Das hast du mir schon gesagt“. Umezu: „Auch wenn ich ein reicher Kaufmann bin, so ist das, was ich dir hier gebe, sehr, sehr viel“. Der Meister: „Du willst wohl, dass ich mich dafür bedanke?“ „Ja, das solltest du“, sagte Umezu. – „Warum sollte ich das“, sagte Seisetsu, „der Gebende sollte dankbar sein“.

Angesichts dessen, was wir für logisch halten, ist das absolut auf den Kopf gestellt. Regt es Sie an, darüber nachzudenken? Dann sind Sie auf dem Weg zum Paradoxen. Dann messen Sie nicht mehr nach den üblichen Maßstäben des Geldes, sondern Ihr Weg ist der Weg der Liebe, ist der Weg ins Göttliche. Dann erkennen Sie die Berechnung des Kaufmanns. 500 Goldstücke sind ein Klacks im Verhältnis zu dem, was er angehäuft und gesammelt hat. Er kann auch bei dieser Art vermeintlicher Großzügigkeit ein Geizhals sein, der sich nur einen Platz im Jenseits mit dieser „Spende“ kaufen will. Seisetsu soll der Vermittler sein. Der aber durchschaut es. Hier soll ewiges Leben gekauft werden, denn wenn drei Goldstücke für ein Jahr reichen, dann sind 500 Goldstücke über alle Todesgrenzen gehend. – Blickt tiefer: Wer den Weg des Geldes geht, verfehlt den Weg der Liebe. Spürt hinein: Der Kaufmann sagt „Das solltest du“. Keine Demut, keine Bitte, nur Erwartung. – Den Wesenskern der Spiritualität hat aber nur der erfasst, der weiß, dass du umso mehr hast, je mehr du gibst. Paradox genug?

Ist es nicht so, dass jedes Mal, wenn jemand etwas von Ihnen genommen hat, etwas Neues entstanden ist? Ist nicht genau dadurch das Leben immer jung geblieben?

Herzlichst,

Wolfgang Maiworm

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