Mystik

Lebens|t|räume Magazin – Ausgabe Juni 2026

2026 06 Titelseite2026 06 Inhalt

 

Editorial

Wenn Sie mir schreiben möchten:
Wolfgang Maiworm, E-Mail: wolfgang@lebens-t-raeume.de, Website: www.wolfgangmaiworm.de

Liebe Leserinnen und Leser,

vor mehr als siebzig Jahren – es war in der Schule – nahm ich den Satz von Friedrich Schiller auf:

„Wer wird nicht einen Klopstock loben? – Doch wird ihn jeder lesen? – Nein. – Wir wollen weniger erhoben, doch umso mehr gelesen sein.“

Das wünsche ich mir heute im Zusammenhang mit dem Tao Te King, das mich seit etwa fünfundvierzig Jahren begleitet. Viele loben den weisen Laotse; seine Worte zählen zu den unversiegbaren Quellen ewiger Weisheit. Er kündet vom göttlichen Urgrund allen Seins und dessen Wirkkraft in uns Menschen.

Dennoch: Wer vernimmt mehr als die Worte? Wer erfasst die Tiefe seiner Aphorismen und handelt danach?

Aus den 81 Versen hebe ich heute Vers 57 (Verborgenes Wirken) hervor, weil er inhaltlich nicht nur zum heutigen Titelthema „Mythos“ passt, sondern auch in unserer kriegerischen Zeit ein Spiegel für jene sein kann, die aus einer „heiligen Ordnung“ gefallen sind.

Beinahe undenkbar, dass die, die sich heute so wichtig nehmen und entsprechend einer verlorenen Weisheit handeln, einem Laotse noch zuhören, geschweige denn sich noch von ihm inspirieren lassen. Doch ich will nicht schweigen, will es wenigstens immer wieder versuchen, wachzurütteln und Bewusstsein in jene transzendenten Räume zu lenken, aus denen das Göttliche spricht.

Herzlichst,
Wolfgang Maiworm


Die nachfolgende Übersetzung des 57. Verses aus dem Tao Te King, dem Buch vom Tao und der Wirkkraft, stammt vom Zen-Meister Zensho W. Kopp, der in Wiesbaden lebt:

Verborgenes Wirken

Mit Gerechtigkeit regiert man ein Land.
Mit List führt man einen Krieg.
Mit Nichtgeschäftigkeit gewinnt man die Welt.

Woher ich weiß, dass dem so ist?

Durch dieses:

Je mehr Einschränkungen und Verbote es gibt,
desto ärmer wird das Volk.

Je mehr scharfe Waffen die Menschen haben,
desto mehr Verwirrung ist in der Welt.

Je mehr Geschick und Schlauheit die Menschen haben,
desto mehr seltsame Dinge kommen auf.

Je mehr Gesetze und Verordnungen erlassen werden,
desto mehr Räuber und Diebe gibt es.

Darum sagt der Weise:

Ich pflege das Nicht-Tun,
und das Volk wandelt sich von selbst.

Ich pflege die Ruhe,
und das Volk wird von selbst gerecht.

Ich pflege die Nichtgeschäftigkeit,
und das Volk wird von selbst genug haben.

Ich pflege die Wunschlosigkeit,
und das Volk wird von selbst einfach.